09.04.2026
Wenn die Baustelle ins Labor kommt
Jonathan Leu ist Labortechniker im Betonlabor des Institute for Building Materials an der ETH Zürich. Sein Weg dorthin führte über ein Maschinenbaustudium an der ETH, das er zugunsten des Handwerks hinter sich liess, eine Maurerlehre und jahrelange Arbeit auf dem Bau. Er ist der Mann, den Forschende fragen, wenn die Theorie auf den Betonmischer trifft – und der das Labor mit der Industrie verbindet.
Jonathan Leu arbeitet im Betonlabor des Instituts für Baustoffe an der ETH Zürich. Foto von Lea Keller
Jonathan Leu’s Weg ist alles andere als geradlinig. Er begann ein Maschinenbaustudium an der ETH – doch die schwere Theorielast ohne praktischen Bezug trieb ihn zum Wechsel ins Wirtschaftsstudium an der Uni. Büro und Bücher befriedigten ihn nicht. Der Drang nach Bewegung und körperlicher Arbeit war stärker: Er jobbte als Velokurier. Schliesslich fiel der Entscheid: Neuanfang, Maurerlehre. Danach arbeitete er auf dem Bau, bildete sich zum Vorarbeiter und Polier weiter – bis er als Labortechniker des NFS DFAB an die ETH Zürich kam, wo er sich zum Baustoffprüfer und Betoningenieur weiterbildete.
Von der Baustelle ins Labor
Als er seine neue Stelle an der ETH Zürich antrat, suchte er nach Worten, um das Gefühl zu beschreiben: «Es ist für mich so gewesen, wie mit einem Zug in eine Wand zu fahren.» Der Kontrast zur Baustelle hätte kaum grösser sein können. Dort war jeder Tag durchgetaktet, jede Stunde sichtbar – entweder man hatte etwas gebaut oder nicht. «Es war gewöhnungsbedürftig, dass ich am Abend nicht mehr so klar sah, was ich geleistet hatte», sagt er. Einen entscheidenden Vorteil brachte er dennoch mit: Das ETH-Umfeld war ihm aufgrund seines Studiums nicht fremd. Er kannte die akademische Sprache, den Umgangston. So nimmt Jonathan eine Vermittlungsrolle ein: «Ich kann niederschwellig mit einem Bauführer telefonieren und wir verstehen uns, wenn wir über das Forschungsprojekt sprechen, weil er weiss, dass ich mal Polier war und ihn verstehe”, sagt er.
Beton kann jeder – guter Beton nicht
«Ich hatte die Erwartung: Ich komme an die ETH, hier geht es um Beton. Die Leute hier wissen bestimmt, wie Beton gemischt wird.» Es kam anders. Forschende kamen zu ihm und fragten, wie Beton gemischt wird. Ein Rezept für Beton liesse sich schnell finden, sagt Jonathan. Er wollte aber von Grund auf verstehen, das spornte ihn an: Er absolvierte die Ausbildung zum Baustoffprüfer, um die Ausgangsstoffe und Grundsätze der Betonherstellung zu verstehen. Denn Beton ist nicht gleich Beton. Sein Arbeitskollege Heinz Richner bringt es auf den Punkt: «Beton kann jeder. Aber ein guter Beton kann nicht jeder.» Forschende, die zum ersten Mal Beton mischen, unterschätzen leicht, wie viele Parameter Einfluss haben – auf Verarbeitbarkeit, Fliessverhalten, Festigkeit und Dauerhaftigkeit. Das neu erworbene Wissen hatte einen direkten Effekt auf seine Arbeit mit den Forschenden: «Je mehr Wissen ich habe, desto selbstbewusster bin ich in der praktischen Anleitung.» Die Entscheidungshoheit liegt dabei stets bei den Forschenden, beschreibt Jonathan seine beratende Funktion.
Jonathan unterstützt die Betonarbeiten auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich. Foto von Mike Lyrenmann.
Die Chemie des Betons
Was ihn am Beton fasziniert, ist die unglaubliche Tiefe im Fach: «Man kann so viel lernen, wenn man in Beton eintaucht.» Die Praxis kannte er von der Baustelle, die Theorie erschloss sich ihm erst hier – wie viele Faktoren in der Betonherstellung einen Einfluss auf die Qualität haben: Von der Kornabstufung über zahlreiche chemische und physikalische Prozesse, die ineinandergreifen. Ein weit verbreiteter Irrtum über Beton ist zum Beispiel, dass Beton trocknet. Beton trocknet nicht. “Was beim Aushärten geschieht, ist eine chemische Reaktion zwischen Zement und Wasser – Hydratation. Dabei entstehen neue Hydratphasen, das Wasser wird chemisch eingebunden. Beton härtet deshalb auch unter Wasser aus”, erklärt er. Kürzlich hat Jonathan einen Beton für ein Projekt designed, der beim ersten Mal genau so gelang, wie er wollte. “Das ist der Beweis, dass er die Parameter nicht nur kennt, sondern steuern kann”, sagt er freudig.
Transfer in die Industrie dank Netzwerk
«Beim Betonieren war immer eine gewisse Spannung da – erst beim Ausschalen sieht man, ob es funktioniert hat», sagt Jonathan. Dieses Kribbeln kennt er noch gut von der Baustelle: die Anspannung während des Wartens, die Genugtuung, wenn alles aufgeht. Was ihn antreibt, hat sich nicht verändert – nur der Ort. Als Polier wäre der Raum für Neues kaum dagewesen. An der ETH findet er ihn. Und das Kribbeln beim Ausschalen? Das kennt er hier auch noch. Was Jonathan sich in den vergangenen Jahren im NFS DFAB erarbeitet hat, ist ein Netzwerk, das der Forschung direkt zugutekommt. Durch Weiterbildungen und den täglichen Kontakt zu beiden Seiten kennt er die richtigen Ansprechpersonen – in der Zementindustrie, bei Schalungsherstellern, bei Betonproduzenten. «Brauchen wir etwas für ein Projekt, kann ich auf dieses Netzwerk zurückgreifen und mit den richtigen Menschen sprechen», sagt er. So fliesst Laborforschung direkt in die Praxis – und umgekehrt.